Diakonie Lübbecke

Aktuelle Informationen

22.07.2020

Flyer Familienberatung

23.07.2020

Datenschutzerklärung

23.07.2020

Hygieneerklärung

06.08.2020

Flyer Ess-Störung

Damit alle an einem Strang ziehen

Neueste Zahlen belegen: Immer mehr Hilfen zur Erziehung werden in NRW von den Kreisjugendämtern veranlasst. Im Rahmen der Hilfen zur Erziehung entfielen 2011 rund 120.000 Fälle auf die Erziehungsberatungsstellen. Damit werde ein wesentlicher Beitrag zur Unterstützung von Eltern geleistet. Die Beratung von Kindern, Jugendlichen und Eltern hat sich auch die Familienberatungsstelle der Diakonie in Lübbecke auf die Fahnen geschrieben. Über die Arbeit der Einrichtung sprach NW-Redakteurin Kirsten Tirre mit Leiter Hans-Werner Dielitzsch (54) und Mitarbeiter Iwan Miene (40).

Für 2011 weist die Statistik für den Kreisjugendamtsbezirk eine Zunahme von Kinderschutzmaßnahmen aus. Haben auch Sie mehr zu tun als früher?

HANS-WERNER DIELITZSCH: Wir verzeichnen zwar keine Steigerung, dafür aber gleichbleibend hohe Zahlen. 2012 hatten wir 356 neue Fälle und zusätzlich 30 Online-Beratungen. Das ist auf den Altkreis Lübbecke gerechnet schon eine ganze Menge und geht nicht ohne Wartezeiten.

Wem bieten Sie Ihre Hilfe an?

DIELITZSCH: Zu uns kann jeder kommen, der Probleme mit der Erziehung hat. Wir beraten aber auch zunehmend junge Erwachsene, die kurz vor dem Schulabschluss stehen oder eine Lehre bewältigen müssen und Stress mit der Familie, Freunden oder am Arbeitsplatz haben.

Stellen Sie fest, dass die Problemlagen zunehmen?

DIELITZSCH: Ich würde eher sagen, dass sich die Probleme verändert haben. Steigerungen gibt es insbesondere bei familiären Konflikten aufgrund von Scheidung und Trennung. Häufig werden Kinder zum Spielball oder leiden unter der geänderten Familiensituation. Auch die Tendenz, dass in immer mehr Familien beide Elternteile – teils sogar im Schichtdienst – arbeiten müssen, kann zu besonderen Belastungen führen.

IWAN MIENE: Außerdem spüren wir eine zunehmende Verunsicherung bei Eltern darüber, wie gute Erziehung aussieht. Viele empfinden es als schwierig, zwischen dem Ruf nach mehr Strenge und Regeln sowie dem Wunsch, Freund des Kindes sein zu wollen, den richtigen Weg zu finden. Bemühte Eltern lesen dann Erziehungsratgeber, die aber teils Widersprüchliches empfehlen.

Was ist denn ein Indikator für gute Erziehung?

DIELITZSCH: Erziehung ist dann gut, wenn sie Bedürfnisse von Eltern und Kindern gleichermaßen befriedigt. Auch die tiefergehenden Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die es für eine gesunde Entwicklung braucht, sind wichtig.

Woran merken Eltern, das etwas schief läuft?

DIELITZSCH: Stress ist ein guter Indikator. Wenn es über die immer gleichen Dinge belastende Streitereien bis hin zu schlaflosen Nächten gibt, dann fühlen sich Eltern überfordert.

Melden sich Eltern von alleine ?

DIELITZSCH: Die meisten ja. Eltern merken instinktiv, dass etwas aus dem Ruder läuft. Häufig bekommen Eltern auch aus dem Kindergarten oder der Schule den Rat, die Beratung aufzusuchen, weil das Kind Auffälligkeiten aufweist. Sprach- oder Einschulungstest gehen nicht für alle Kinder gleich gut aus.

MIENE: Wir sehen Diagnosen allerdings zwiespältig. Ein voller Terminkalender, der schon im Grundschulalter von Ergotherapie über Logopädie bis zu Nachhilfe reicht, setzt die ganze Familie unter Druck. Wir raten Eltern die richtige Mischung aus eigener Erziehung und Hilfe von außen zu finden. Manchmal muss man einfach ein Stopp-Zeichen setzen. Kinder entwickeln sich auf unterschiedlichen Ebenen einfach unterschiedlich schnell.

DIELITZSCH: Eltern sollten gerade bei den Schulleistungen mehr Gelassenheit entwickeln.

Wie sieht eine Beratung typischerweise aus?

MIENE: Wir holen alle Betroffenen an einen Tisch, manchmal sind sogar die Großeltern involviert. Je nach Problemlage arbeiten wir dann mit der ganzen Familie, nur mit den Eltern oder in Einzelsitzungen mit den Kindern weiter und versuchen Lösungen zu finden, die für alle tragbar sind. Unser Ziel ist, das alle an einem Strang ziehen.

DIELITZSCH: Eltern sind sich oft selbst nicht einig in ihren Erziehungsmethoden. Wichtig ist, dass man sich auf etwas einigt und das dann auch durchzieht. Fragt man übrigens Kinder, was sie für angebracht halten, beispielsweise beim täglichen Medienkonsum, stellen sie oftmals strengere Regeln auf als es Eltern tun würden.

Apropos Medienkonsum. Wird auch der Computer immer mehr zum Erziehungsproblem?

MIENE: Ja, das ist bei uns ein ganz großes Thema. Medien werden immer schneller und sind überall verfügbar. Diese Entwicklung geht an vielen Eltern vorbei. Sie werden erst wach, wenn das Kind beginnt, die Schule zu schwänzen, immer häufiger krank ist und im analogen Leben keine sozialen Kontakte mehr hat.

Was raten Sie?

DIELITZSCH: In ein Kinderzimmer gehört an elektronischen Medien allenfalls ein CD-Player. Der Laptop sollte an einem allgemein zugänglichen Platz stehen, so dass Eltern immer wissen, womit sich das Kind im Netz beschäftigt.

Verlaufen die Gespräche immer harmonisch?

DIELITZSCH: Nein, die Aufarbeitung von Konflikten geht schon sehr ins Emotionale. Vor allem dann, wenn eigene Schicksale und Kindheitserfahrungen zur Sprache kommen.

Arbeiten Sie mit anderen Einrichtungen zusammen?

DIELITZSCH: Ja, unsere Mitarbeiter haben sich alle spezialisiert – eine Mitarbeiterin beispielsweise auf den Bereich Essstörung. Darüber hinaus sind wir mit zahlreichen Einrichtungen vernetzt von der Schulsozialarbeit über Kinderpsychotherapeuten und Familienzentren bis zur Schuldnerberatung. Auch mit dem Jugendamt und den Familiengerichten stehen wir in Kontakt, die uns bei Problemen mit ins Boot holen.

Schalten Sie auch selbsttätig das Jugendamt ein?

DIELITZSCH: Nur, wenn das Kindswohl in Gefahr ist. Ansonsten können sich die Ratsuchenden auf unsere Verschwiegenheit verlassen.

Gibt es so etwas wie eine Erfolgskontrolle?

DIELITZSCH: Es gibt keinen Fragebogen, wenn Sie das meinen. Wir führen mit den Ratsuchenden Abschlussgespräche, die Bewertungselemente enthalten. Manchmal bekommen wir auch lange nach Abschluss eines Beratungsprozesses noch ein weiteres Feedback. In der Regel dauern Beratungen zwischen drei und sechs Sitzungen pro Fall. Manche Familien begleiten wir aber auch über Jahre.

Text und Foto: Neue Westfälische, Ausgabe 14 - Lübbecke (Altkreis) von Donnerstag, den 07. März 2013, Kirsten Tirre