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Das Steuerrad fest im Griff, den Horizont vor Augen.
Lübbecke. (huse) Karl-Heinz Holt wird bald 60. Seit vielen Jahren schon arbeitet er bei der heimischen Diakonie als Sozialarbeiter und ist dort vornehmlich zuständig für die Migrationsberatung von Erwachsenen. Doch in diesem Jahr hat er für ein paar Wochen den Job gewechselt und war »Trainee« auf der Brigg »Roald Amundsen«, die nach dem berühmten norwegischen Polarforscher benannt ist.
Die Brigg, 1952 in Roßlau gebaut, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Sie befindet sich seit 1991 im Besitz des Vereins »LebenLernen auf Segelschiffen«, der mit der Brigg die Gelegenheit bietet, das Leben auf einem Großsegler mit all seinen Facetten mitzuerleben. Unter Anleitung der erfahrenen Stammbesatzung wird gemeinsam gelernt, wie man Segel setzt und das Schiff steuert, wie Wolken zu lesen sind, welcher Wind am meisten Fahrt verspricht, welche Freude, aber auch Gefahren der Ausruf »Land in Sicht« in sich birgt. warum man sich besser an betonnte und bezeichnete Fahrwasser hält und wie man sicher den nächsten Hafen erreicht.

Karl-Heinz Holt auf der Rah am Großmast beim Festzeisern eines Segels.
Karl-Heinz Holt hat sich schon als Jugendlicher für Rahsegler interessiert. Als er später dann das nötige Geld hatte, unternahm er zwei Fahrten mit der »Alexander von Humboldt«, das bereits als Trainee. Damit ist man Mitglied der Crew und voll in die Abläufe an Bord eingespannt. Man mache, so Karl-Heinz Holt, alle Arbeiten mit, von Kochen bis Segelsetzen. Er habe es mit seiner jetzt gerade beendeten Fahrt auch deshalb etwas eilig gehabt, denn er wisse nicht, wie lange er noch in solche Höhen von bis zu 30 Metern klettern könne.
Karl-Heinz Holt liebt seine Gitarre, mit der er an Bord für viel Stimmung sorgte.
Mitgefahren war er auf der Roald Amundsen bereits zweimal. Aber es war immer sein besonderer Wunsch, den Weg von den Kanaren wie Kolumbus in die neue Welt zu nehmen (»Der Berater für Zuwanderer als Wanderer zwischen den Welten«). Als er dann von der Fahrt der »Roald Amundsen« zu einem Windjammertreffen hörte, war klar, dass er versuchen wollte, mit dabei zu sein. Dabei freut er sich besonders darüber, dass seine Dienststelle und seine Familie sein Vorhaben unterstützten, denn: »Immerhin war ich ja fast fünfeinhalb Wochen unterwegs«.
Die Vorbereitungen begannen im übrigen bereits im vergangenen Dezember, als er zu zwei Werftterminen nach Kiel fuhr, um dort »Rost zu klopfen«. Zusammen mit 44 anderen Mitseglern und Mitseglerinnen stieg er dann im April auf den Kanaren zu, um die Atlantiküberquerung in Angriff zu nehmen. Eine vermeintlich gute Zeit, denn der Nordostpassat sorgt normalerweise für stets ausreichend Wind. Doch dieses Mal erlebten die Abenteurer statt harter Winde eine fünftägige Flaute, unter der sie mit Motorkraft fahren mussten, um rechtzeitig ans Ziel zu gelangen.
An Bord bauten sich die Atlantiküberquerer einen Swimming-Pool auf leeren Gemüsekisten.
Vertreten waren in der Mannschaft die unterschiedlichsten Typen. Vom 17-jährigen Waldorfschüler bis zum fast 70-jährigen pensionierten Kapitän, vom Handwerker bis zum Hochschulehrer. Viele gute Gespräche konnte Karl-Heinz Holt führen, denn nach vier Stunden Wache waren stets acht Stunden zur Verfügung, die man nach eigenem Ermnessen füllen konnte. Seine Gitarre hatte er mit, und so bekam das Lied »Wir lagen vor Madagaskar…« einen neuen Text: »Wir lagen vor den Kapverden und hatten viel Gemüse an Bord. In den Kammern faulten die Möhren und täglich ging eine über Bord«.
Während der Wache stand man am Ruder, führte Segelmanöver durch, war im Ausguck oder putzte die Toiletten, berichtet der heimische Segelfan. Während der freien Zeit ging es durchaus nicht nur um Urlaub, da gab es theoretischen Unterricht, Wetterkunde, Navigation usw..
Das schönste Erlebnis sei für ihn die Nachtwache gewesen, so Karl-Heinz Holt. 30 Grad Lufttemperatur, 26 Grad Wassertemperatur und ein berauschender Anblick der Mastspitzen vor dem Sternbild »Kreuz des Südens«. Maximal gestört durch den Aufprall fliegender Fische auf Deck, aber stets auch begleitet vom gleichmäßigen Rauschen der Bugwelle.
Arbeit am Spillbaken
Viel handwerkliche Arbeit hat er ausgeführt, denn solch ein Schiff brauche ständig viel Wartung, vor dem Möhrenschälen hat er sich gedrückt. Er habe viel gelernt über die Seefahrt und wirklich viel Spaß gehabt. Sei es beim Baden im selbstgebauten »Pool« an Bord oder im Atlantik mit 5000 Meter Wassertiefe unter sich. Und er hat nur ein einziges Mal an Bord sein Ölzeug benötigt. Das war kurz vor Dominica, als ein einziges Mal Wasser von oben kam.
Souvenirs, Souvenirs… Einkauf auf Dominica.
Es gibt jetzt bei der Diakonie einen Mitarbeiter, der nicht nur viele Autokilometer in deren Auftrag hinter sich bringt, sondern nun auch ein »Seemeilenbestätigung« vorweisen kann. 3413 hat er davon zurückgelegt auf seinem Törn von Santa Cruz de La Plama über Dominica in der Karibik nach Fort de France, Martinique.
Was steht als nächstes an? »Weitere Planungen gibt es nicht«, so Karl-Heinz Holt. »Der Horizont ist erweitert, vor allem durch die vielen Gespräche an Bord.« Ruhe und Gelassenheit für die Dinge des Alltags seien eingekehrt:
»Das Gefühl, den Atlantik überquert zu haben, erfüllt einen mit Stolz und Zufriedenheit.«